Der Unterschied zwischen östlichen und westlichen Spielen

12.4.2018

Wenn du nach 1990 geboren wurde, ist die Chance ziemlich hoch, dass dir einer der brutalsten und gemeinsten Konflikte der Moderne vollkommen entgangen ist.

Die Rede ist von einer Schlacht zwischen zwei Giganten aus dem Osten, die einen Keil zwischen Familien weltweit trieb. Freundschaften endeten, Brüder verschworen sich gegeneinander und Grenzen im Sand wurden gezogen – einige davon bestehen bis heute.

Dieser blutige Konflikt ist auch als Konsolenkrieg bekannt und formte die Geschichte der japanischen sowie westlichen Spiele.

Konsolenkrieg: Wie alles begann

Anfang der 1980er brachte Nintendo seine neue Heimkonsole, das Nintendo Entertainment System, auch bekannt als NES, auf den Markt.

Dieser kleine graue Kasten war der Beginn einer Videospiel-Faszination, die seitdem exponentiell gewachsen ist.

Im Kampf gegen Nintendos Aufstieg entschloss 1985 ein Unternehmen, das sich zuvor auf Spielhallenautomaten konzentriert hatte, ebenfalls den Markt für Heimkonsolen zu erobern. Mit der Veröffentlichung des Master System läutete SEGA offiziell den Konsolenkrieg ein.

Puristen mögen auf die vorherigen Konflikte zwischen Commodore 64 und dem ZX Spectrum verweisen, doch keine dieser Schlachten spielte sich auf einem vergleichbaren Niveau ab wie die zwischen NES und Master System.

Diese Schlacht dauert mehr als ein Jahrzehnt an, über welches hinweg neue Systeme mit zunehmender Rechenleistung und Grafikdetails auf den Markt gebracht wurden.

Während Fans debattierten, welche Seite die beste Konsole hatte, wurde eine seltsame Spaltung offensichtlich. Diese Spaltung ging über die Konsolen hinweg und wurde schon bald kulturell.

Die Rede ist vom Unterschied zwischen östlichen und westlichen Spielen.

Westliche RPGs vs. Japanische RPGs

In den ersten Jahren, in denen Plattformspiele, Kampf- und Schießspiele sowie gelegentlich Sport-Simulationen den Markt beherrschten, gab es kaum Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Spielen.

Es gab jedoch ein Genre, in dem die kulturellen Unterschiede sichtbar wurden. Die Rede ist vom RPG-Genre. Rollenspiele wie The Elder Scrolls V: Skyrim und Final Fantasy XV mögen auf den ersten Blick ähnlich scheinen, doch jedem, der beide gespielt hat, sind die Unterschiede klar.

Wenn wir uns Bethesdas Skyrim als Beispiel eines westlichen RPGs angehen, ist deutlich, dass der Fokus hier auf der Erkundung lag.

Diese Spiele basieren generell auf weitläufigen Welten, die detailgenau gestaltet wurden, so dass der Spieler das Gefühl hat, er kann überall hingehen und alles tun. Die Grenzen dieser Welten sind so gestaltet, dass der Spieler nie das Gefühl hat, bereits alles erkundet zu haben. Diese Spiele wurden so entwickelt, dass man den Eindruck hat, die Welt mit seinen Entscheidungen und Handlungen zu beeinflussen.

Japanische RPGs hingegen folgen diesem Prinzip nicht annähernd so sehr. Die Welten mögen auch gigantisch sein, aber die Spiele sind viel linearer gestaltet. Hier liegt der Fokus auf Geschichten, Charakteren und die Begleitung des Spielers durch ein fesselndes Spielerlebnis.

Östliche vs. westliche Spiele

Wenn man sich rein dem ästhetischen Aspekt widmet, gibt es auch einen erheblichen Unterschied zwischen japanischen und westlichen Spielen.

Japanische Spiele sind generell stark von Anime und Manga beeinflusst, mit riesigen Augen, cartoonähnlichem Aussehen und Haaren, die der Schwerkraft zu widerstehen scheinen.

Westliche Spiele andererseits haben meist ein realistischeres Aussehen. Westliche Spiele scheinen das wahre Leben so genau wie möglich imitieren zu wollen. Im Osten hingegen ist eine eigene Interpretation beliebter, die nicht an die Regeln der realen Welt gebunden ist.

Auch die Schlachten unterscheiden sich in beiden Subgenres meist erheblich.

Der Großteil der Action in WRPGs geschieht in Echtzeit und ist abhängig von Fähigkeiten und Reflexen des Spielers. JRPGs hingegen basieren häufig auf einem strategischen, rundenbasierten System, bei dem die Werte eines Charakters die wichtigste Rolle spielen. Hier stellt sich eine Truppe von Abenteurern den bösen Horden und du entscheidest, welcher Charakter dem Gegner den meisten Schaden zufügt.

Das soll nicht heißen, dass westliche Spiele wie Skyrim oder The Witcher 3 ohne Werte auskommen, aber Hand-zu-Auge Koordination spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. In einem Spiel im klassischen Final-Fantasy-Stil ist dein Köpfchen viel mehr gefragt als deine Fäuste.

Interessant ist auch, dass man in den meisten WRPGs als Einzelkämpfer beginnt, wobei du bei östlichen Spielen meist zu Beginn schon eine ganze Gruppe kontrollierst.

Der Grund dafür kann ebenfalls kulturell sein: In der westlichen Welt ist der „einsame Wolf“ eine beliebte Narrative. Die japanische Kultur ist jedoch von jeher auf Schutz fixiert und darauf, die Interessen einer anderen Person bzw. Gruppe vor die des Protagonisten zu stellen. Der japanische Held ist also selbstloser.

Japanische MMORPGs vs. westliche MMORPGs

Auch im Bereich der Online-Spiele, insbesondere MMORPGs entwickelten sich diese Unterschiede weiter.

In Japan sind Online-Spiele erheblich beliebter als im Westen und der Spielalltag der dortigen RPGs ist pflichtbewusster. Damit will ich ausdrücken, dass östliche Online-Spiele meist mehr eintönige Routinearbeit erfordern. In einer solchen Gesellschaft gilt es nicht als Nachteil, sich jeden Abend einzuloggen, um seinen Charakter zu verbessern – es wird vielmehr als gesellige Aufgabe gesehen.

Das könnte daran liegen, dass Gaming in der japanischen Kultur als Hobby viel mehr Anerkennung genießt, etwas, was sich im Westen erst langsam entwickelt, wo Gaming-Kultur viel weniger Mainstream ist.

Bei japanischen Spielen, in denen Spieler für monotone Gruppenarbeit belohnt werden, sind solche Spielsessions eine entspannende Möglichkeit, Zeit mit Freunden zu verbringen und gleichzeitig im Spiel fortzuschreiten.

Einige User sehen diese Spiele sogar als Ersatz für soziale Netzwerke. Man geht zur Arbeit, kommt nach Hause, zockt mit seinen Freunden. Für einige hat sich die Spielwelt zur Alternative zur Bar oder Fußballplatz entwickelt. Und in einer Kultur, in der harte Arbeit verehrt wird, ist es genauso normal, nach der Arbeit mit Freunden Final Fantasy 14 zu spielen wie im Westen Netflix zu gucken.

Ost trifft West

Man könnte also glauben, dass diese beiden RPG-Subgenres sich vollkommen auseinander entwickeln, doch das ist nicht der Fall.

Die meisten Unternehmen aus beiden Teilen der Spielewelt verfolgen die beliebtesten Aspekte der anderen, was zu einigen spannenden Kombinationen geführt hat. Nirgendwo ist dies so weit verbreitet wie unter den mobilen Spielen.

Wenn man durch den App Store oder Google Play scrollt, stößt man auf einige Abenteuer-, RPG- oder  Strategiespiele, die auf dem Schlachtsystem von Final Fantasy basieren. Selbst in der neuesten Version von Star Wars: Galaxy of Heroes dreht sich alles um die Schlachtmechanismen.

Rundenbasierte Kämpfe sind auf Mobilgeräten einfach viel sinnvoller als die westliche, auf Geschick basierende Spielweise.

Andererseits erleben wir zunehmend mehr offene Welten in Spielen wie Final Fantasy XV – ein deutlicher Hinweis darauf, wie gut sich westliche Spiele weltweit (einschließlich in Japan) verkaufen.

Wo früher lineare Storylines angesagt waren, werden nun mehrpfadige Geschichten mit verschiedenen Enden immer beliebter. Umgekehrt erfordern einige westliche MMOs nun eine Menge harte Arbeit für den Level-Aufstieg (auch wenn sich die Aufgaben etwas unterscheiden).

Man könnte sogar sagen, dass einige der neusten RPGs weder rein westlich noch östlich sind. Die meisten Fans von Elder Scrolls Online oder World of Warcraft geben sicher zu, auch eine Menge monotone Aufgaben zu erledigen, wohingegen Fans von Final Fantasy XV ziemlich überrascht von der Anzahl der Wahlmöglichkeiten in der neusten Version der Reihe waren.

Hybridvarianten von westlichen und japanischen RPGs

Das Beste an dieser Mischung ist, dass sie Spiele schafft, die sonst nicht vollkommen ausgeglichen wären. Durch die Mischung aus Untergenres wurden brandneue Genres geschaffen, die ein ganz neues Suchtlevel bieten.

Spiele wie Stardew Valley (im Prinzip eine stark abgewandelte Version von Harvest Moon) basieren auf der typisch japanischen Bauernhof-/Lebenssimulation mit westlichen Mechanismen als Bonus. Dieses Spiel ist derzeit eines der am meisten heruntergeladenen Spiele auf der Switch, was in einem Jahr, in dem ein neues Mario-Spiel auf den Markt gebracht wurde, für beinahe unmöglich gehalten wurde.

Statt sich die Unterschiede zwischen den beiden Spielkulturen als „Krieg“ vorzustellen, in dem man sich für eine Seite entscheiden muss, sollte man die Sache eher so sehen, dass die beiden Stile einander ergänzen.

Wenn eine Seite handelt, schaut die andere aufmerksam zu und reagiert darauf. Und wenn eine Seite einen Fehler macht, passt die andere genau auf, um nicht den gleichen Fehler zu begehen. In einer Spielszene, in der es in letzter Zeit an Innovation hapert, sollte eine solche Mischung aus Genres, Untergenres und Kulturen willkommen geheißen werden.

In einer Welt, die bildlich immer kleiner wird, werden wir zunehmend beobachten, wie eine Kultur sich mit einer anderen vereint. Ganz egal, ob in der Filmindustrie (z. B. die Beliebtheit von Studio Ghibli im Westen und Harry Potter im Osten) oder der Spielindustrie, der kulturelle Mix wird uns erhalten bleiben – und ich heiße das von ganzem Herzen willkommen!

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